Titandioxid – neue Klassifizierung?

Über Titandioxid (Titan(IV)-oxid) wird in letzter Zeit viel diskutiert und immer wieder flammen Diskussionen zum Umgang mit diesem Stoff auf. Die Grundlage der mittlerweile weitreichenden Debatte beruht auf einem von Frankreichs Behörde für Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz (ANSES) eingereichten Bericht bei dem Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) der ECHA. In dieser zusammengefassten Abhandlung fordert die ANSES die EU-weite harmonisierte Einstufung des Stoffes in die Kategorie 1B Kanzerogenität. Der Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) der ECHA hat am 08. Juni 2017 eine Einstufung als Krebsverdachtsstoff (Kategorie 2) empfohlen. Die Entscheidung über eine Einstufung liegt nun beim REACH-Regelungsausschuss unter Federführung der Europäischen Kommission.

In den letzten Wochen hat das Umwelt- und Wirtschaftsministerium aus Frankreich für sich als Konsequenz nun ein Verbot für den Farbstoff E171 für die Verwendung in Lebensmitteln ab dem 01. Juni 2020 erteilt. Dadurch wurde das mediale Interesse wieder stark entfacht. Auch wird der Druck auf die EU erhöht eine europäisch einheitliche Regelung zu formulieren.

Wo wird Titandioxid eingesetzt?

Chemische Formel für Titantdioxid TiO2

  • Lebensmittelfarbstoff E171 zum Beispiel in Dragees, Kaugummi, als Überzug, in Zahnpasta und Zahnpflege-Produkten
  • Kosmetika
  • Arzneimittel
  • Sonnenschutzprodukte – UV-Blocker
  • Malerfarbe, Lacke, Straßenmarckierungsfarben
  • Kunststoffe
  • Keramiken
  • Papier

Im täglichen Leben trifft man somit ständig auf Titandioxid. Die Industrie verarbeitet das Produkt jährlich tonnenweise in diversen Produkten. Der Farbstoff wird hier in der Regel als Pigment eingesetzt um die klare weiße Farbe oder einen glänzenden Überzug in den Produkten zu erreichen.

Wie kommt es zur Diskussion?

Ausgangspunkt der jetzt schwelenden Debatte ist eine Studie aus dem Jahre 1985, in der an Ratten Inhalationsversuche mit Titandioxid-Nanopartikeln durchgeführt wurden. Hier reagierte eine bestimmte Rattenspezies auf die Exposition mit sehr hohen Dosen der Nanopartikel mit Symptomen einer so genannten „Lungenüberlastung“, es bildeten sich Lungentumore. Diese Reaktion blieb bei anderen Studienspezies aus. Wissenschaftler aus Frankreich bewerteten diese Studie erneut und sahen die Erfordernis zur Einstufung als Krebserregenden Stoff. Darauf reagierte Frankreichs Behörde für Lebensmittelsicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz (ANSES) mit einem Antrag an die ECHA.

Gefahr für den Menschen?

Es muss festgehalten werden, dass der Effekt der gezeigten Symptome nicht stoffspezifisch, sondern staubspezifisch ausgelöst wird, denn andere schwer lösliche Stäube verursachen nach inhalativer Aufnahme und Speicherung ebenfalls Lungentumore bei Tierversuchen. Der damals verwendete Versuchsaufbau ist nach heutigen wissenschaftlichen Standards nicht aussagekräftig, laut OECD/ECHA-Leitlinien kann die Studie durch die verwendeten extrem hohen Konzentrationen von staubförmigen Titandioxid nicht auf den Menschen übertragen werden.
Es existieren zahlreiche Studien über Titandioxid, unter anderem wurden Untersuchungen an über 20.000 Mitarbeitern in 18 verschiedenen Produktionsanalgen, auch in Deutschland, für Titandioxid durchgeführt. Das Ergebnis, der über mehrere Jahrzehnte angelegten Untersuchung zeigt, dass kein erhöhtes Risiko für Tumorentwicklung festgestellt werden kann. Eine Vielzahl von Experten ist über die Unbedenklichkeit von Titandioxid überzeugt und verweist immer wieder auf die falschen Schlussfolgerungen auf Grund der nicht einbezogenen Partikelgröße und -form oder der Kristallstruktur.

Was bleibt?

Tatsächlich streitet nicht nur der REACH-Ausschuss über die Aussagekraft der wissenschaftlichen Studien, auch die EU-Kommission bleibt verunsichert.
Nach langer Debatte ist die EU-Kommission der Industrie nun entgegengekommen und empfiehlt die Einstufung als potenziell krebserregend nur für Titandioxid als Pulver.
Eine definitive Entscheidung hat die EU-Kommission allerdings bisher nicht gefällt. Die am 08.03.2019 abgehaltene Sondersitzung des REACH-Regelungsausschusses in Brüssel ergab keine qualifizierte Mehrheit für den EU-Kommissionsvorschlag zur Einstufung als Krebsverdachtsstoff. Titandioxid war einer der Stoffe auf der Liste zur 14. Anpassung (ATP) des Anhang VI zur CLP-Verordnung. Die Abstimmung zu dieser ATP wurde auf der Sitzung verschoben. Vermutlich wird erst nach der anstehenden Europawahl und nach Konstitution einer neuen EU-Kommission über die ATP und somit über eine mögliche Einstufung von Titandioxid entschieden.

Ein Vorschlag aus der Industrie!

Sinnvoller als eine Einstufung von Titandioxid wäre es aus Sicht der Industrie, einen europaweit einheitlichen Grenzwert für schwerlösliche Stäube am Arbeitsplatz zu schaffen. Eine Expertengruppe bei der Europäischen Kommission prüft bereits die Erstellung eines harmonisierten, europäischen Arbeitsplatzgrenzwertes für derartige Stäube.

 

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09.05.2019